

Die New Economy zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht auf Träume gebaut. Die jungen Industriellen waren Realisten. Bei ihrer Expansion ging es nicht ums schnelle Geldscheffeln, sondern um die Forcierung des Fortschritts. Die Wirtschaftsmacher waren begeistert von der Ästhetik moderner Maschinen und maschinell hergestellter Produkte. Ihr Stimulans war aber die Kunst, die sie in den Alltag integrieren wollten.
Einer dieser Pioniere war der 1874 in Chemnitz geborene Fabrikantensohn Herbert Esche, der 1902 das Unternehmen seines Vaters übernahm, führend in der Strumpfwarenbranche. Mit seiner Familie wollte der Unternehmer auf dem Kaßberg – bis heute eines der großen noch geschlossen erhaltenen Gründerzeitviertel Europas – eine Wohnung beziehen und machte sich Gedanken über deren Ausstattung. Dabei kam ihm die Idee, den Shooting-Star der damaligen Designer-Szene, den belgischen Avantgardisten Henry van de Velde (1863-1957), um einen Einrichtungsentwurf zu bitten. Geld soll dabei keine Rolle gespielt haben. „Ich hatte völlig freie Hand und konnte aus dem Vollen schöpfen“, schrieb van de Velde in seinen Memoiren.
Der aus Antwerpen stammende Künstler gab der mitteleuropäischen Kunstentwicklung entscheidende Anstöße, die sein Erbe pflegende „Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes“ feiert ihn als „Vater des modernen Designs“. Begonnen hatte der Generalist als Maler, interessierte sich aber auch für Architektur, die Ausgestaltung von Wohnraum, das Kreieren von Gebrauchsgegenständen, die Bebauung von Uferzonen in Großstädten oder die Inneneinrichtung von Eisenbahnwaggons und Schiffen. In der musealisierten Villa Esche ist im Obergeschoss anhand von Exponaten der Werdegang dieses bedeutenden Künstlers dokumentiert. Henry van de Velde brach demonstrativ mit der Formensprache des 19. Jahrhunderts und war bestrebt, Kunst und Handwerk zur Symbiose zu führen.
Innerhalb seines riesigen Lebenswerks, das die Entwicklung von Historismus über Art Deco bis Konstruktivismus vereint, ist die Villa Esche sein Meisterstück. Unter allen Villen, die er in den blühenden Wirtschaftsregionen Sachsen und Thüringen gestaltet hat, ragt diese heraus. Sie manifestiert zum erstenmal die Idee vom Gesamtkunstwerk. Entscheidend war für van de Velde die Linie. Sie erschien ihm als „eine Kraft, die unser Wille beherrscht und lenkt, wie der Reiter sein Pferd, nach seinem Willen, dessen schritt er regelt und dessen Lauf er zügelt. Der Wille zur Darstellung ist die treibende Kraft der Linie...“ Nachdem „Strumpfkönig“ Esche den Künstler persönlich kennen gelernt hatte, verwarf er den Plan mit der Wohnung. Eine Villa musste es sein, auf einem exklusiven Baugrundstück, einem Felsplateau, „Südabhang mit herrlichem Ausblick“. 1903 hatte van de Velde erstmals Gelegenheit, alles in einem Wurf zu konzipieren, von den Gebäudeformen bis zur Einrichtung. Form und Funktion sollten auseinander hervorgehen. Damit überwand der Künstler den Stilwirrwarr des Historismus, spielte in einem Zug seine Fähigkeiten als Architekt, Grafiker und Inneneinrichter durch und schuf den neuen funktionalen Stil, der später vom Bauhaus aufgegriffen wurde.
Im Dezember 2001 wurde das „papageienbunte Gesamtkunstwerk“ (Focus) in Anwesenheit des Bundespräsidenten wiedereröffnet. Die Restaurierung leitete der Chemnitzer Architekt Werner Wendisch. Das Gebäude war in der DDR „Stasi-Villa“, zerfiel aber, auch der Park mit den Eschen des Herrn Esche verkam. Die Restaurierung wurde mustergültig vollzogen und ist als „denkmalpflegerische Leistung beispielhaft gelungen“ (Sachsens Landeskonservator Gerhart Glaser).
Nun ist wieder zu sehen, dass Henry van de Veldes Glaube an die Linie zur Form wurde, sie kristallisiert sich im fließenden Raum, in der Form des Schwungs. Kaum etwas hat einen rechten Winkel (Hundertwasser griff diese Methode später auf), Simse laufen ins Leere, Verblendungen haben keine Funktion, Strebepfeiler dienen ausschließlich der Schönheit. Der grandiose Detaillist verewigte sich mit liegenden Fenstern, ausladenden Portalen und Terrassen. Neben europäischen brachte van de Velde auch orientalische Einflüsse ein, inspiriert von seinen Reisen. Das blockhafte Gebäude gewinnt seine Ordnung von innen her. Kühne Ingenieurleistung wird durch Kunst veredelt. Die zur Südseite hin liegenden repräsentativen Haupträume, vor allem die bis zum Dach reichende, sechseckige Halle, die durch ein ornamentales Oberlichtfenster abgeschlossen wird, machen die Villa atmosphärestark. Über eine umlaufende Galerie werden die oberen Räume erschlossen. Ein Kunstmuseum, in dem der Gestaltungswille dominiert: Alles in diesem Gebäude ist durchkomponiert. Wer durch das Haus läuft, erlebt den Tanz der Linien. Der Rhythmus der Räume ist, einem inneren Raumprinzip folgend, in Bewegung aufgelöst. Der Begeher erlebt ein Gleiten und Fließen um sich her, ein Durchfluten von Licht und Transparenz, das Prinzip des Organischen. „In ihrer Beziehung zum Stoff rührt die Schönheit an das tiefste Genießen, welches das Leben bieten kann“, so van de Velde in einer seiner Schriften.
| Adresse: |
Villa Esche (Chemnitz)
Parkstraße 58
09120
Chemnitz
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| Telefon: | +49 /0) 371 488 4424 |
| Internet: | www.villaesche.de ![]() |
| Öffnungszeiten: | Mi/Fr, Sa/So 10-18 Uhr. |
| Eintrittspreise: | Frei. |