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Lapidarium (Stuttgart)

Stuttgart

Inmitten eines der am schönsten erhaltenen Innenstadtviertel liegt das einzige Freilichtmuseum Stuttgarts. Aber es ist viel mehr: ein Ort zum Picknicken, Flanieren, Zeichnen, für die Liebe und außerdem ein steinernes Bilderbuch der Stadtgeschichte. Verliebte zelebrieren hier ihre Gemeinschaft, Angestellte suchen den Ort in der Mittagspause auf, um Atmosphäre aufzunehmen; Spaziergänger und ältere Leute schlendern zufrieden umher, erfreuen sich an der Pflanzenpracht, am Plätschern des Wassers und mehr als 200 steinernen Überresten aus der Geschichte der Stadtkultur. Das Lapidarium ist für Stuttgart ein Glücksfall. Im Wandelgang weht auch in der größten Sommerhitze, die in Stuttgarts Tallage heftig sein kann, ein kühlendes Lüftchen. Von dort hat man einen guten Blick auf das frisch restaurierte Mosaik und den Apoll im Hintergrund.

Die Wände des Ganges sind dekoriert mit Reisesouvenirs: Steinplattenfragmente, abgebrochene Füße von Skulpturen und Tafeln, die der italophile Schwiegersohn des Stuttgarter Fabrikanten Gustav Siegle, Karl von Ostertag-Siegle, von seinen Reisen mitbrachte. Er war Stichwortgeber für die Parkanlage, die 1910/11 errichtet wurde. Dabei wurde viel Beton in die freie Natur gebracht, für die „Architektonische Rundschau“ seinerzeit ein Musterbeispiel, das viele Nachahmer finden sollte. Der Beton ist diskret in das künstliche Landschaftsbild eingefügt, das mit der überbordenden Italiensehnsucht der damaligen Zeit spielt. Die Terrassenanlage wurde nach dem Vorbild italienischer Renaissancegärten gestaltet, durchsetzt mit Künstlerkopien des 19. Jahrhunderts: Statuen wie die ihre Sandalen lösende anmutige antike Venus, der „Knabe in Gefahr“ (im Volksmund nur das „Muggenbüble“ genannt) oder Apollon, dessen Original in den Vatikanischen Museen steht (und Goethe bei seiner Italienreise 1786 durch seine Schönheit bis ins Innerste traf), eine Jaspisschale (die die russische Zarentochter Olga mitbrachte), das Portal der Großen Mühle (1613), die Eingangsfassade eines bürgerlichen Wohnhauses (1596) und das kostbare Portalfragment des Alten Steinhauses (ca. 1250).

Die Verantwortlichen machen etwas sehr Gutes: Sie übertreiben es nicht mit der Musealisierung. Rentnergruppen halten auf Bänken unter Sonnenschirmen und zwischen Danneckers Wald- und Wiesennymphen Vesper, Teenager sitzen an Steinzeugen gelehnt, die Atmosphäre ist gelöst. Deshalb geht man gern in diese historische Staffage. In dem wunderbaren Ambiente werden Lesungen, Konzerte und Kunstveranstaltungen abgehalten. Zu Führungen strömen die Leute in Scharen herbei. Was früher Privileg der Oberschicht war, gehört nun allen.

Zu seiner Eröffnung galt das Lapidarium deutschlandweit als letzter Gartenschrei. Der untere Teil, nach dem Vorbild antiker Gärten konzipiert, erstrahlt heute wieder in neuem Glanz. Andere Teile des Gartens und der Bausubstanz fielen Bombenzerstörungen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Der Freundeskreis des Lapidariums ist eine gut funktionierende Bürgereinrichtung. Fast wäre der Garten nach dem Krieg geschlossen worden. Aber Gustav Wais, Journalist beim „Neuen Tagblatt“, hatte nach seinem Berufsverbot 1942 durch die Nazis die Stadtgeschichte erforscht und in der Nachkriegszeit, gemeinsam mit anderen, vieles aus den Trümmern gerettet. Sein Vorschlag, den Garten öffentlich zu nutzen, wurde aufgegriffen. Bis 1961 koordinierte Wais das Sammeln der steinernen Zeitzeugen, danach verwilderte der Garten. Erst zu Beginn der neunziger Jahre wurde die Anlage saniert. Die Stadt hatte endlich beschlossen, das Lapidarium zu retten. Der Stadtarchivar hat nach wie vor kein großes Budget, aber die Arbeiten im oberen Teil sind in Gang gekommen. Ursprünglich war dieses Areal als englischer Garten geplant, jetzt gibt es hier eine Biowiese.

Im wildromantischen Teil des Lapidariums sind zahlreiche Entdeckungen zu machen. So steht dort eine Statue von Bismarck und einer Trauernden. Als Rarität gilt die Grabtafel einer 18-jährigen Ehefrau, von der ihr Witwer verewigen ließ, dass man eine „höchst vergnügte Ehe“ hatte – allerhand in pietistischen Gefilden. Unter einem schlichten Holzdach ruht die Schlafende Diana, die Skulptur wird bevorzugt von Kunststudenten gezeichnet. Der steinerne Schriftzug „Les fruits du travail“ erinnert an den Schweizer Apfelexperten Nicolas Gaucher, der den Obstbau revolutionierte. Ein Zauber liegt über der Gegend in der Innenstadt.

Adresse: Lapidarium (Stuttgart) Mörikestraße  24
70178   Stuttgart
Telefon: +49 (0) 711 216 4448
Internet: www.lapidarium.de(Externer Link)
Öffnungszeiten: Mitte April-Mitte Sept. Mi/Do/Sa/So 14-18 Uhr.
Eintrittspreise: Frei.

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