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Kunstsammlungen Chemnitz

Leipzig

Es war ein Paukenschlag in der Kunstszene, als im Dezember 2003 Ingrid Mössinger, Direktorin der Chemnitzer Kunstsammlungen, in Frankfurt am Main in einer Feierstunde im Kaisersaal des Römer mit dem Preis der Stiftung „Lebendige Stadt“ für das beste deutsche Museumskonzept prämiert wurde. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde von einer hochkarätigen Jury aus 14 Mitgliedern festgelegt, das Chemnitzer Haus unter 163 Bewerbungen ausgewählt. Der Anlass für die Wahl war vor allem, dass Ingrid Mössinger und ihr Team 2002 mit der Ausstellung „Picasso und die Frauen“ bewiesen hatten, dass durch Kunst das internationale Interesse auf eine Kommune gelenkt werden kann und ihr dadurch ein beachtliches Renommee zuwächst.

Gleichzeitig hat Mössinger gezeigt, dass ihr ebenso anspruchsvolles wie publikumswirksames Programm zu einem positiven Selbstverständnis der Bürger führt. Im Klartext: Die Chemnitzer sind mit überwältigender Mehrheit mit den Kunstsammlungen, ihrer Ausrichtung und ihrer Chefin zufrieden. Das haben zahlreiche Reaktionen gezeigt. Damit erfüllt das Museum wie kein zweites derzeit in Deutschland das Kriterium der Stiftung, die den Preis verleiht, ein niveauvolles Programm mit der Attraktivität für ein großes Publikum zu verbinden. Innerhalb weniger Jahre etablierte die couragierte Schwäbin, die bereits Leiterin der „Art Frankfurt“ war, die Kunstsammlungen Chemnitz als gesellschaftliches Ereignis. Sie steht ihnen seit 1996 vor und hat schier Unglaubliches geschafft. Steht eine neue Ausstellung an, empfinden es die Chemnitzer als ihre Bürgerpflicht, sich in ihren Sonntagsstaat zu werfen und die lichten Räume zu belagern.

Kunst als Volksereignis. Auf der Erfolgsliste der „Kunst-Queen von Sachsen“, wie die Lokalpresse sie bejubelt, stehen ehrenwerte Namen. 2004 stellt sie die weltweit größte Sammlung der Druckgrafik von Henri de Toulouse-Lautrec zu dessen 140. Geburtstag aus. Der Leihgeber hatte Angebote aus den Kunstmetropolen der Welt, entschied sich aber, die 360 Grafiken nach Chemnitz zu geben, wegen der „wunderschönen Räume“ und der „hervorragenden Konzeption“. In den Jahren zuvor hatte Ingrid Mössinger Munch und Picasso in die sächsische Industriestadt gebracht. Die Kunstszene spricht von Blockbuster-Events in Chemnitz, die Experten bestaunen die Kompetenz der Expertin.

Seitdem die spürbar kunstliebende Direktorin agiert, sind die Kunstsammlungen in das Blaubuch der gesamtstaatlich bedeutsamen Kultureinrichtungen (2001) aufgenommen und zum Mitglied der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen (2002) ernannt worden. „Noch vor wenigen Jahren kannte nur ein kleiner Fachkreis die Kunstsammlungen“, heißt es in der Begründung der Jury für den Preis „Lebendige Stadt“. Gewürdigt wird auch, dass sich „die Kunstsammlungen zu einem Wirtschaftsfaktor “ entwickelten. Vor Mössinger besuchten 20.000 Menschen die Kunstsammlungen, heute sind es bis zu 80.000, zu Picasso kamen 120.000 – und das in einer Stadt ohne ICE-Anschluss.

Der Mikrobiologe Hartmut Koch stiftete seine komplette Druckgrafik-Sammlung von Wolfgang Mattheuer, knapp 600 Blätter im Wert von einer Million Euro, den Kunstsammlungen. Kinder schenken der Direktorin Bonbons auf der Straße, ältere Damen bringen Marmelade vorbei, Männer Rosen. Keine Frage, die agile Person hat der Stadt im Schatten von Leipzig und Dresden kulturellen Glanz eingehaucht. Ihr letzter Coup war spektakulär: Es gelang Ingrid Mössinger, die renommierte Sammlung des Münchner Galeristen Alfred Gunzenhauser (Dix, Jawlensky, Kirchner, Beckmann u.a. Hochkaräter) an den Mitbewerbern München, Stuttgart, Dresden und Leipzig vorbei nach Chemnitz zu holen und Sponsoren sowie die Stadt dafür zu gewinnen, dieser Sammlung ein eigenes Museum zu geben.

Damit beinhalten die Kunstsammlungen Chemnitz jetzt rund 55.000 Objekte, vor allem Malerei und Plastik aus dem 19. und 20. Jahrhundert, Arbeiten auf Papier aus dem 15. bis 20. Jahrhundert sowie Textilien, Kunstgewerbe und Plakate aus den letzten beiden Jahrhunderten. Darunter mit 300 Werken die zweitgrößte Sammlung von Karl Schmitt-Rotluff, einem gebürtigen Chemnitzer, die mit 1.200 Litographien umfangreichste Sammlung von Honoré Daumier außerhalb Frankreichs, das gesamte grafische Werk Wolfgang Mattheuers, die Stiftungen Carlfriedrich Claus und Gunzenhauser sowie das Henry-van-de-Velde-Museum in der Villa Esche. Jüngst kam noch ein Marc-Chagall-Bild hinzu, das Willy Brandt 1970 als Geschenk vom sowjetischen Perteichef Breshnew nach Unterzeichnung der Moskauer Verträge erhalten hatte, „Bettlerin mit Sack“. Es hing einige Zeit in Brandts Wohnung und war nach seinem Tod 1992 in der Friedrich-Ebert-Stiftung eingelagert. Die Bundesrepublik gab es als Dauerleihgabe nach Chemnitz. Dort entstand ein beachtliches kleines Imperium.

Adresse: Kunstsammlungen Chemnitz Theaterplatz 1
09111   Chemnitz
Telefon: +49 (0) 371 488 4424
Internet: www.chemnitz.de(Externer Link)
Öffnungszeiten: Di-So 12-19 Uhr.
Eintrittspreise: Je nach Ausstellung.

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