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Kunstmuseum Stuttgart

Kunstmuseum Stuttgart
Kunstmuseum Stuttgart (Foto: Kunstmuseum Stuttgart / Gonzalez)
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Museumsarchitektur als Würfelspiel. Der 67 Millionen teure Glaskubus in der Mitte der Innenstadt ist ein Blickfang, obgleich er demonstrativ Schlichtheit repräsentiert. Schwaben und Prunkbauten, das passt nicht zusammen. Gerade in seiner Zurückhaltung entwickelt dieser Bau Noblesse. Er schließt eine Lücke in der Königstraße, in respektvoller Distanz zum altehrwürdigen Königsbau und dem Schloss gegenüber. Zugleich besetzt er rückwärtig den Kleinen Schlossplatz, eine jahrzehntelange Citybrache. So steht das Kunstmuseum in exponierter Lage auf dem teuersten Baugrund der Stadt.

Die Schwaben mögen grundsätzlich sparsam sein, aber mit dem Glaskubus haben sie sich etwas geleistet. Erst im Innern erkennt man, wie diese Box konzipiert ist: Licht, überall Licht! Von allen Seiten strömt es herein; an trüben Tagen wird vom Untergeschoss her mit Kunstlicht nachgeholfen, und nachts wird das Gebäude zur weithin sichtbaren Leuchtqualle. In der Abenddämmerung geschieht Wundersames: Die Beleuchtung von innen durchdringt das Glas, als solle es zum Platzen gebracht werden, und strahlt intensiv auf die Stadt ab. Man kann jetzt schon prophezeien, dass diese großartige Inszenierung Stuttgart verändern wird. Sie gibt dem Kleinbürger-Biotop mit Kehrtagen und Vierteleschlotzen, der Hauptstadt des Ländle, ein großartiges Flair. Auf Anhieb wurde es auch zum Treffpunkt der urbanen Elite, die oben, über der Kunst, das großzügig weitflächige Restaurant mit Blick auf die Dächer der Stadt und ihre Tallage okkupiert hat.

So anspruchsvoll wie die Außenansicht ist der Inhalt. 15 000 Werke besitzt das Museum, die Sammlung der „Galerie der Stadt Stuttgart“. Darunter Hochkaräter wie die weltweit größte Kollektion der Werke von Otto Dix, die ein eigenes Stockwerk bewohnt. Scharf war dessen Blick, schonungslos seine groteske Überzeichnung des Großstadtlebens in der apokalyptischen Weimarer Republik. Dix gehörte zu den ersten, die sich für die Neue Sachlichkeit einsetzten: für die Begegnung mit der Wirklichkeit im Bild, die keine fotografische Abbildung ist. Das monumentale Triptychon „Großstadt“ (1928) zum Beispiel zeigt, wohin diese Malerei will. Sie bietet eine vordergründige Ansicht des Nachtlebens mit überkosmetisierten Tanzenden, flankiert von verkrüppelten Versehrten des Ersten Weltkriegs und ausgegrenzten Prostituierten mit grell-scharfen Gesichtern. Das Gemälde, 1972 von der Stadt erworben, kostete eine Million Mark, einen Großteil der Summe brachten Privatspenden zusammen.

Stuttgart

Die Stuttgarter Sammlung besitzt kein klares Profil, aber herausragende Werke von internationalem Format. Der schwäbische Impressionist Hermann Pleuer stellte seine Freilichtmalerei einst sogar in New York aus. Niemand hat so oft die Lokomotive, das Fortschrittssymbol der technischen Moderne, gemalt wie er. Aber nicht in naturgetreuer Wiedergabe, sondern atmosphärisch aufgeladen. Dieter Roth, 1998 verstorben, stellte zeitlebens in seinem umfangreichen Werk nichts anderes dar als den Prozess der Verwesung alles Lebenden und Nahrhaften. Seine Materialien, etwa Käse, Wurst, Schokolade, schimmelten – das waren die Variationen seiner Kunst. Roth hat auch gezeichnet, gedruckt und Filme gemacht, aber das Museum hat einen großen Bestand sich zersetzender Roth-Werke. Eine kuriose Rarität.

Für Direktorin Marion Ackermann sind Museen geistige Zentren der Stadt, sie dienen nicht nur der Hebung der Standortqualität und dazu, Kasse zu machen. Die Stuttgarter haben das instinktiv verstanden. Vom ersten Tag an gab es Besucherschlangen, Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der diesen Bau in finanziell schwerer Zeit mit durchgepaukt hatte, gab zur Eröffnung stundenlang jedem Kulturbürger persönlich die Hand. Das Kunstmuseum hat eine Erneuerungsdynamik in die Stadt gebracht; die Institutionen, die Kunst verwalten und vermarkten, sind in Bewegung geraten, auch in Unruhe. Denn die Zuständigkeiten müssen neu gemischt, die Verteilung der Aufgaben neu geregelt werden. Schließlich spielt Stuttgart in der bildenden Kunst auf einmal – neben München, Frankfurt, Köln und Berlin – in der obersten Liga mit. Die Chance sei groß, vielleicht unwiederbringlich, sich jetzt als Kunstmetropole im Südwesten des Landes zu positionieren. Stuttgart hat nämlich ein halbes Jahrhundert unkoordiniert Kunst angekauft, vor allem als die öffentlichen Kassen noch gut gefüllt waren, und jetzt ist die Kunst plötzlich da, als sei ein vergrabener Schatz wiederentdeckt worden.

So kann das Kunstmuseum neben seinen musealen Passagen aufsehenerregende Gegenwartskunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen und damit für eine frische Anmutung sorgen. Dazu verhilft natürlich die grandiose Architektur von totaler Transparenz, offen nach allen Seiten und doch nach innen hin die Intimität bildend, die konzentrierte Kunstbetrachtung verlangt. Das Inlay hinter der kompletten Glasverpackung besteht aus hellem Naturstein, eine Box in der Box sozusagen. Festlich wirkt das hohe Foyer, der Boden aus schwarzen Basaltlavaplatten. Eine 60 Meter lange Hauptachse mit Oberlicht führt zu links gereihten Kabinetten, während sich rechterhand eine gewaltige Ausstellungsebene öffnet. Der Sichtbeton ist lichtgrau und erscheint seidig, das Licht opalisiert. Wer keinen Fahrstuhl braucht, sollte sich über die freitreppenartigen Stahltreppen das Gebäude erschließen. Insgesamt hat das Museum 4934 Quadratmeter für Inszenierungen zur Verfügung.

Adresse: Kunstmuseum Stuttgart Kleiner Schloßplatz 13
70173   Stuttgart
Telefon: +49 (0) 711 216 2188
Internet: www.kunstmuseum-stuttgart.de(Externer Link)
Öffnungszeiten: Di/Do-So 10-18, Mi/Fr 10-21 Uhr.
Eintrittspreise: 4,50 €, erm. 3 €.

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