

Dieser Friedhof hat in Europa Seltenheitswert, in Deutschland ist er kunsthistorisch der wertvollste. Wäre nicht bereits im Jahr 1557 in Halle außerhalb der Stadtmauern auf einem ehemaligen Pestfriedhof ein neuer Begräbnisplatz angelegt worden, wüssten wir heute nicht, wie man im Spätmittelalter den Toten die letzte Ehre erwies. In anderen Städten ersetzten aufgrund des Wachstums im 19. Jahrhundert die alten Kirchhöfe neue Gräberfelder außerhalb der Innenstadt, dort sind allenfalls noch rudimentäre Grabstätten vorhanden. Der Hallenser Stadtgottesacker bietet aber das geschlossene Bild eines Renaissance-Friedhofs und er ist zudem ein idyllischer Ort.
Auf der Innenseite des unregelmäßigen Mauergevierts auf dem Martinsberg wurden Gruftarkaden nach dem Vorbild des italienischen Camposanto errichtet. Ein Großteil der 94 als Schwibbogenarkaden ausgebildeten Grüfte und 2.200 Gräber ist wiederhergestellt. Hauptanteil daran hat eine private Stiftung, der Marianne Witte angehört, Tochter des Chemie-Nobelpreisträgers Karl Ziegler, die aus ihrem Erbe die Stiftung finanziert.
Der Hallesche Ratsbaumeister Nickel Hoffmann hatte sich an italienischen Vorbildern orientiert. Der wohl beste Kenner der Stadtgottesackergeschichte, Oberarchivrat Werner Piechoksi, hatte 1989 festgestellt: „Der Verfall begann mit Gründung der DDR. Der Zusammenbruch war unausweichlich, weil nichts, aber auch gar nichts zur Rettung getan wurde.“ Fast ein halbes Jahrhundert blieb der Friedhof in dem Zustand, den Bombenangriffe 1945 hinterlasen hatten, 1950 wurde er für Beisetzungen geschlossen. Die stinkenden Dünste der Chemiekombinate Buna und Leuna setzten den Sandsteinornamenten zu, Blumen, Vögel, Löwen, Greife und alte Wappen wurden zerfressen.
Viele berühmte Hallenser wurden hier beerdigt, darunter August Hermann Francke, Gründer der nach ihm benannten Stiftungen, Christian Thomasius, Philosoph und Gründer der Universität, und Friedrich Hoffmann, Leibarzt König Friedrich I. und Erfinder der Hoffmannstropfen (eine belebende Mischung aus Alkohol und Äther). Weil 1984 die Nutzungsrechte an den Grabstätten erloschen waren, wurde der Weg frei für eine Wiederbelegung der Grabstellen. Zugelassen sind nur Urnen. Ein Problem ist, dass auch Satanisten den Ort entdeckt haben und nächtens gelegentlich makabre Riten zelebrieren, bei denen es zu Schändungen und Zerstörungen kommt.
| Adresse: | Stadtgottesacker Halle |
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