

Anfang der 1990er Jahre befand sich Franckes alte Schulstadt in erbärmlichem Zustand: ein Areal im Schatten einer grotesken Hochstraße, die als Betonorgie mitten durch Halles Stadtzentrum geklumpt wurde. Naturalienkabinett und Bibliothek – zwei Sammlungen von herausragendem Wert – waren mehr schlecht als recht untergebracht, die Bauten dem Verfall preisgegeben. An eine Wiedergeburt der Franckeschen Stiftungen konnten nur Fantasten glauben.
Inzwischen ist sie geschehen. Ein einzigartiges Zentrum sozialer, wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen, ein Komplex mit Schulen und Kindergärten, Museum und Archiv, Forschungs- und Begegnungsstätten existiert wieder. Hallenser, die wissen, wie es an dieser Stelle ihrer Stadt aussah, sprechen verklärt von einem Wunder.
Professor Paul Raabe, der aus der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel in die Saalestadt gewechselte Stiftungsdirektor, weist darauf hin, dass das Dorf in der Stadt kein totes Museum ist, sondern ein lebendiger Ort für Bildung und Ausbildung, Schule und Universität, Kultur und Forschung. Mehr als 300 Jahre alt (Jubiläum war 1998), zwischendurch verrottet, vermodert, in sich zusammengefallen – jetzt in sanierter Pracht. Vermutlich so schön wie noch nie. Etwa 150 Millionen Euro hat die Rettung gekostet. Sichtbarstes Zeichen der Erneuerung ist das zinkweiß getünchte Waisenhaus mit dem blau und gold ausgemalten Spruchband „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler“, einem Bibelvers.
August Hermann Francke (1663-1727) war Pietist, ein strenggläubiger Christ mit großem Herzen und bemüht, das soziale Ungleichgewicht in der Bevölkerung mehr in Balance zu bringen. Sein Tun verstand er als „Fußstapfen des noch lebenden und waltenden, liebreichen und getreuen Gottes“. Die Bibliothek ist der älteste profane Bücheraufbewahrungsbau dieser Art in Deutschland, um 1735 vollendet. Er vereint die Buchbestände sämtlicher Bibliotheken der Stiftungen und wurde als Studienzentrum wiedereingeweiht. Mit freigelegten Fachwerkbögen und Bleiglasfenstern mit ihren originalgetreu nachgebildeten Verschlüssen entzücken sie Denkmal-Fans.
Die pietistische Architektur ist von schlichter Strenge, aber das verwinkelte Spitzweg-Inventar wird dominiert durch klar gegliederte alte Fluchten und die den Mittelgang überspannenden, marmorierten Korbbögen. Im Kulissenmagazin hortet die Bibliothek über 80.000 Schriften des 16. bis 19. Jahrhunderts. Bibliothek und Archiv, eng mit der Universität und der neuen Forschungsstelle für Pietismus verbunden, stehen neben einheimischen Schülern, Studenten und Professoren auch Forschern aus aller Welt zur Verfügung. Franckes „Seminarium universale“, ein Schuldorf, bildete pietistisch konditionierte junge Menschen aus, die „eine reale Verbesserung in allen Ständen in- und außerhalb Deutschlands, ja in Europa und allen Teilen der Welt“ bewirken sollten. Weltverwandlung durch Menschenverwandlung, das war das sozialreligiöse Konzept des Gründungsvaters.
Neben der Theologie waren Frömmigkeit und Praxis christlicher Barmherzigkeit im Fokus. Pfarrer und Prediger sollten keine abgehobenen Phrasen-Überflieger sein, sondern Bodenberührung haben. Francke gründete in Halle die erste deutsche Bibelanstalt, die durch Stereotypdrucke immer wieder Bibeln nachdrucken und in billigen Auflagen unters Volk bringen konnte – rund zehn Millionen Bibeln gelangten von hier bis 1934 in alle Welt, teilweise von Studenten in slawische, orientalische und andere Sprachen übersetzt. Für einen Pietisten ist bis heute die eigenständige tägliche Bibellektüre unersetzlich.
Pfarrer Francke, der im sächsischen Glauchau einer Gemeinde vorstand, richtete in Halle 1698 eine Armenschule ein. Die Kinder lernten von morgens bis abends, waren sonst mit nützlichen Tätigkeiten befasst, hatten aber kaum Zeit zu spielen. Das rief schon damals Kritiker auf den Plan, zumal Francke von der „Brechung des Eigenwillens“ sprach. Dennoch war sein pädagogisches Konzept fortschrittlich, basierte es doch auf Anschauung und Erfahrung im Unterricht, der Sprachen umfasste, Geografie, Geschichte, Physik, Botanik, Architektur, Mineralik und zu erlernende handwerkliche Fähigkeiten. Francke war kein weltfremder Schwärmer, sondern ein nüchterner Denker, der Kinder durch praktische Schulungen auf ihre späteren Berufstätigkeiten vorbereitete. August Hermann Francke war nicht nur Menschenführer, sondern auch kluger Unternehmer. Zu seinem Schuldorf gehörten Verlag, Buchhandlung, Druckerei, Werkstätten, Gärtnereien, Seidenraupenzucht, Apotheke, Krankenanstalt, aber auch ein Materialgroßwarenhandel mit Wein, Tee und Kaffee. Heute arbeiten die Franckeschen Stiftungen mit der Universität Halle zusammen, vor allem der Theologischen Universität. Touristen erleben beim Gang durch das ehemalige Schuldorf die Materialisierung eines Gedankenguts, das noch längst nicht als überholt gelten kann.
| Adresse: |
Franckesche Stiftungen Halle
Franckeplatz 1
06110
Halle
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| Telefon: | +49 (0) 345 212 7450 |
| Internet: | www.francke-halle.de![]() |
| Öffnungszeiten: | Di-So 10-17 Uhr, Historische Bibliothek 10-12 und 14-16 Uhr. |
| Eintrittspreise: | Historisches Waisenhaus 3 €, erm. 2, Kinder 1 €, Historische Bibliothek 1 €. |