

Das kleine, aber wunderschön sanierte Schloss in Bönnigheim, zwischen Ludwigsburg und Heilbronn gelegen, ist ein Glücksfall für die Kunst. Hier ist seit 1996 die Privatsammlung Charlotte Zander zu sehen, die größte ihrer Art weltweit. Sie umfasst rund 4000 Bilder und Skulpturen der naiven Malerei und so genannten Art brut, Malerei von psychisch Kranken. Die Münchner Galeristin Charlotte Zander, 75, hat sie in über 50 Jahren zusammengetragen. Die Sammlung ist nicht nur spektakulär wegen ihres Umfangs, sondern auch einzigartig in ihrer Konzentration – und mit ihrer Darstellungs- und Farbenkraft eine echte Entdeckung. Mehr als 320 Maler aus 44 Nationen verkörpern eine Gattung der modernen Kunst, die bis heute in der klassischen Kunsthistoriographie keine Definition erhalten hat. Sie ist faszinierend, teilweise überwältigend.
Das beginnt schon im Eingangsbereich, in dem Arbeiten von Josef Wittlich hängen, die grell, bunt und schonungslos authentisch sind in ihrer krassen Verachtung jedweder Perspektive. Der Besucher begreift sofort die naive Lust an der Welt und staunt auf dem folgenden Rundgang über das, was diese Menschen, die immer noch unter weitgehender Ausgrenzung aus der Gesellschaft leiden, mit Farbkasten und Buntstiften, Schnitzmesser oder Drahtgeflecht zustande gebracht haben. Wittlich (1903-82) gilt Fachleuten, die die Art brut analysiert haben, als einer der markanten Vertreter dieses Malstils. Erst mit 64 Jahren wurde der Fabrikarbeiter entdeckt. Er war getrieben von der Buntheit der Fotos, die ihm aus Illustrierten und Prospektmaterial entgegenleuchteten. Seine Porträts von Königinnen, Sophia Loren oder Jackie Kennedy, Modebilder und Schlachtszenen sind triviale Darstellungen, die er farblich extrem übersteigerte. Erwachsene fühlen sich anfangs erschlagen, Kinder und Jugendliche sind vor den Bildern sofort begeistert. Sie erzielten plötzlich Hochpreise; und als Josef Wittlich gefragt wurde, was er denn mit dem vielen Geld mache, fiel ihm als Antwort nur ein: „Ein paar neue Schuhe kaufen.“
Charlotte Zander betrieb bis Mitte der neunziger Jahre eine gutgehende Galerie in München und machte naive Malerei zu ihrem bevorzugten Sammelgebiet. Experten bescheinigen ihr, die weltweit größte Sammlung dieser Art zusammengetragen zu haben. Die Kennerin glaubt, dass die naive Malerei „am Ende ist“, das liege an veränderten Lebensgewohnheiten. Vor allem der Fernseher, der heute überall steht, habe Sehgewohnheiten der Naiven einschneidend verändert. „Die Ablenkung ist groß, die Muße zum Malen fehlt“, sagt sie. Pseudo-Naive, die den Boom vor allem der siebziger Jahre zu nutzen suchten, um sich als Sonntagsmaler ein Salär zu verdienen, fallen bei Charlotte Zander als Künstler durch. Sie lässt nur Männer und Frauen gelten, die einst Außenseiter der Gesellschaft waren, als Dorftrottel oder Idioten verlacht wurden und Ruhe und Ausgleich in ihrer Malerei fanden.
Viele von ihnen, die nie eine entsprechende Ausbildung absolviert haben, wurden Stars der Pinsel-Zunft, behielten aber aufgrund ihrer geistigen Entwicklung ihren besonderen Blick bei. Zu Zanders Lieblingen zählt Max Raffler (1902-88), ein Bauernsohn aus Greifenberg am Ammernsee, der schon als Kind jedes Papierstück bemalte, dessen er habhaft wurde. Auch Amtsformulare seines Vaters, des Bürgermeisters, und Düngersäcke. Noch in hohem Alter war er ein Vielmaler; Galeristen trieben die Preise für seine Bilder in atemraubende Höhen, und Raffler malte nach Katalog und nahm Bestellungen an. Trotz seines erschöpfenden Gesamtwerks strahlen die Bilder bis heute Authentisches aus. Im Museumsbestand ist der Altmeister der deutschen Naiven mit 95 Arbeiten vertreten, darunter einer eindrucksvollen „Kreuzigung Christi“.
Das entscheidende Kriterium für naive Malerei ist das Fehlen der Bildperspektive. Naive malen bis zur letzten Stunde wie Kinder, sie legen ein Bild nicht an, sie legen aus ihrem Bauchgefühl los. In ihnen lodert eine Flamme, die Welt, die sie umgibt, auf Papier und Leinwand zu bannen. Manche trauen sich das erst, wenn sie bereits im Ruhestand sind. Wie Grandma Moses, die als amerikanische Farmersfrau erst mit Siebzig zu malen begann und schnell weltberühmt wurde. Wie Emma Stern im Saarland, die nach dem Auszug der erwachsenen Tochter mit den von ihr vergessenen Buntstiften zu malen begann und schnell Galeristen auf sich aufmerksam machte. Wie der Bergmann Erich Bödeker aus Recklinghausen, der zum 55. Geburtstag einen Gartenzwerg geschenkt bekam und beschloss, solche Figuren künftig selber herzustellen. Seine Skulpturen finden in Bönnigheim große Beachtung. Dazu kommen französische Exponate und solche aus Balkanländern, aber auch Arbeiten aus der Karibik und anderen Regionen der Erde. Ergänzt wird die Bönnigheimer Sammlung durch Tattoo-Bilder, Votivgaben, Porträts und Genrebilder des 19. Jahrhunderts. Die Dauerausstellung verteilt sich auf 43 Räume mit insgesamt 2000 Quadratmeter Fläche. Im Erdgeschoss werden Wechselausstellungen zu Themen und einzelnen Künstlern präsentiert. Sonderführungen, die übers Jahr angeboten werden, führen in die außergewöhnliche Kunstform ein, die beweist, dass in nahezu allen Menschen Künstlerisches angelegt ist.
| Adresse: |
Museum Charlotte Zander (Bönnigheim)
Hauptstraße 15
74357
Bönnigheim
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| Telefon: | +49 (0) 7143 4226 |
| Internet: | www.sammlung-zander.de![]() |
| Öffnungszeiten: | Di-Sa 11-15, So 11-16 Uhr. |
| Eintrittspreise: | 6 €, erm. 3-4 €. |