

Das geräumige Zelt, in das die Besucher eintreten, ist aus Filz von Ziegenhaar gefertigt. Abraham, Moses und andere patriarchalische Gestalten des Alten Testaments haben in solchen Zelten gewohnt, ihr Leben lang. Wenn sie durch die Wüsten des biblischen Landes zogen, nahmen sie ihre mobile Wohnung mit. Darin aßen sie, zeugten ihre Kinder und unterrichteten sie, hingen ihren Gedanken und Prophetien nach und sprachen sie im Kreis ihrer Brüder aus. Das Zelt ist ein Ursymbol des Christentums. Sein Dach ist teilweise geöffnet. Wer den Blick nach oben wendet, sieht den funkelnden Sternenhimmel des Vorderen Orients. Er hört Geräusche von ferne: das Heulen des Wüstenwindes und der Hyänen, Grillengezirpe und das Gemecker der Ziegen. Es scheint so, als treibe der Sturm Wüstensand auf die Zeltbahnen und lasse ihn darüber rieseln. Zugleich steigen belebende Düfte von Weihrauch und Myrrhe in die Nase. Die Besucher empfinden die Nomadenbehausung schnell als Ort der Geborgenheit. Sie fühlen sich zurückversetzt in biblische Zeiten, dem Alltag enthoben. Jetzt wären sie bereit, orientalischen Geschichten zu lauschen. Ihr Wunsch wird erfüllt, Stimmen ertönen, erzählen in einem dramatischen Spannungsbogen, der alle, auch Kinder, gefangen nimmt, die aufregende Geschichte vom Kampf zwischen David und Goliath. Hat der Kleine gegen den Großen, den Übermächtigen, eine Chance? Während die biblische Geschichte vorgetragen wird, entstehen die Bilder vor den Augen der Zuhörer. „Im Bachbett suchte er fünf glatte Kieselsteine und steckte sie in seine Hirtentasche. In der Hand hielt er seine Schleuder; so ging er dem Philister entgegen. Auch Goliath rückte vor; sein Schildträger ging vor ihm her...“
Einmalig in Deutschland: Eine Dauerausstellung über die Entstehung der Heiligen Schrift, ihre wechselvolle Auslegungsgeschichte und Bedeutung für unsere Gegenwart. Die Sammlung der Deutschen Bibelgesellschaft, mit der bereits im 19. Jahrhundert begonnen wurde, ist laufend ergänzt worden, 1912 wurde sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das 1998 noch einmal runderneuerte Museum ist ganz dem Buch der Bücher gewidmet, aber dieses wird keineswegs in dröge-theoretischer Art vorgestellt, schon gar nicht als Katechismus aufbereitet, sondern in lebendiger, didaktisch sehr geschickter Form auf 490 Quadratmetern vorgestellt. Es wird auch Einblick gewährt in die Ökonomie von Bibelherstellung und –absatz sowie die Arbeit der mehr als 130 global operierenden Bibelgesellschaften.
Wer das Stuttgarter Bibelmuseum besucht hat, weiß für den Rest seines Lebens, dass unsere abendländische Kultur völlig durchdrungen ist von biblischem Gedankengut. Insofern ist die Ausstellung nicht nur für Pfarrgruppen interessant, sondern für alle, die mehr über die Wurzeln unserer Kultur und Geschichte wissen wollen. Für solche, die in die Geschichte des Christentums einsteigen wollen, ist sie eine Fundgrube. Es sind vor allem die Geschichten der Bibel, die – ansprechend von professionellen Sprechern dargeboten – Faszination aufkommen lassen. Die Besucher haben die Wahl: Sie können der Weihnachtsgeschichte lauschen, der aufrüttelnden Bergpredigt mit ihrem geradezu sozialrevolutionären Hintergrund oder poetischen Passagen aus den Aufzeichnungen eines der wirkungsvollsten Apostel in der Nachfolge Jesu. Jeder versteht die Botschaft von Paulus: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, hätte aber der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Eindrucksvoll ist auch die Allee von Textfahnen, die die Entstehung des Alten und Neuen Testaments darstellen. In der „Schatzkammer“ des Museums warten kostbare historische Bibelausgaben, etwa die Heilige Schrift des Augsburger Gutenberg-Schülers Günther Zainer (1475), auf Besucher.
Hochinteressant ist die Aufarbeitung des langen, teilweise qualvollen Suchens nach richtigen Begriffen für die Übertragung der hebräischen (Altes Testament) und altgriechischen (Neues Testament) Urtexte ins Deutsche. Der Reformator Martin Luther hat für seine Übersetzung der Bibel – immer noch die am weitesten verbreitete in Deutschland - jahrelang an Formulierungen gefeilt, bevor er sie auf der Wartburg über Eisenach erstmals in einem Kraftakt in eine markante Sprache goss. Die illustrativen Info-Wände belegen, wie stark die von Luther während seiner Bibelübersetzung zwischen 1521 und 1534 gewählte Begrifflichkeit in unsere Alltagssprache eingegangen ist. Immer noch reden wir von „Zeichen der Zeit“, dem „Stein des Anstoßes“ oder von der „Wurzel allen Übels“. Was uns dabei so leicht von den Lippen geht, sind Redewendungen, die es vor Luther in der deutschen Sprache nicht gab.
Aufregend, gerade für jüngeres Publikum, ist auch die Dokumentation über die Verbreitung der Bibel bis in entlegenste Regionen der Erde. Man kann auf einem Schaltpult die Diaprojektion einer Flusssiedlung im tiefsten Urwald des Amazonas anklicken und bekommt dazu den Spruch aus Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue...“, auf Portugiesisch eingespielt, der Amtssprache Brasiliens. Holt man sich denselben Text auf Englisch, leuchtet ein Bildmotiv aus Manhattan auf. Als Gesamtausgabe ist die Bibel das meistverbreitete Buch der Welt, in fast 400 Sprachen zu lesen. Nimmt man nur Übersetzungen des Neuen Testaments mit den Geschichten des Nazareners Jesus und einzelner Teile (Evangelien, Psalmen), sind es mehr als 2200 Bibelsprachen. Und das Werk von Übersetzung, Popularisierung, Vertrieb und Ausbreitung geht ständig weiter. Derzeit sind etwa 700 Übersetzungsprojekte, die Jahre benötigen, irgendwo auf der Welt in Arbeit.
Missionarische Christen haben sich viel einfallen lassen, um biblische Texte in letzte Winkel und zu allen Bevölkerungsgruppen zu bringen. Ein Kuriosum der Ausstellung ist der Kassettenrecorder mit Kurbelbetrieb, der es Menschen, die nicht lesen können und ohne Stromversorgung leben, möglich macht, die Botschaft zu empfangen. Die Mediengeschichte der Bibel ist ein ganz eigenes Kapitel: Von den Schriftrollen der alten Propheten bis zur Bibeltext-CD-ROM und der Bibelvers-SMS aufs Mobiltelefon war es ein weiter Weg. Bereits im Entree des Museums blinken biblische Weisheitssprüche auf, die mit Ah und Oh quittiert werden. „Wer viel Steuern erhebt, richtet das Land zugrunde.“ Oder: „Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss.“ Das steht tatsächlich so in den alten Schriften! Auf einem Leuchtband läuft der gesamte Bibeltext von der Genesis bis zur Apokalypse – das dauert sechs Tage. Am Ende des Rundgangs erwartet die Besucher eine Auswahl der schönsten Bibelmusikstücke aus rund 3000 Jahren. Sie können an einer Station abgerufen und über Kopfhörer genossen werden. Es gibt auch einen Bibelerlebnis-Rundgang für „Klein- und Wuschelkinder“.
| Adresse: |
Stuttgarter Bibelmuseum
Balinger Str. 1
70567
Stuttgart
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|---|---|
| Telefon: | +49 (0) 711 718 1253 |
| Internet: | www.bibelgesellschaft.de![]() |
| Öffnungszeiten: | Mo-Fr 8.30-18 Uhr. |
| Eintrittspreise: | 2,50 €, erm. 1-1,50 €, Familienticket 5 €. |